Kapitel I

Leise näherte er sich der Lichtung. Es war totenstill. Dicke Moosfladen verschluckten die Geräuschkulisse seiner Schritte. Er hielt inne und lauschte.

Er hörte kein einziges Geräusch. Kein Vogel zwitscherte sein Lied. Keine Blätter rauschten im Wind. Sein Herzschlag hämmerte in seinem Kopf und es fiel ihm schwer, den Atem ruhig zu halten.

Koren war groß gewachsen und schlank. Sein schwarzes Haar fiel ihm auf die Schulter, so dass er es mittlerweile gern mit einem Lederband zu einem kleinen Zopf zusammenband.

Er blickte sich um.

Schwarze Bäume und Büsche lauschten in die kühle Morgendämmerung. Die Hütte lag schweigsam und scheinbar unberührt auf der Lichtung und doch wusste Koren, dass da etwas nicht stimmte. Er fühlte es.

Im Schatten einer großen Eiche beobachtete er das hölzerne Gebäude. Heißer, neblig-grauer Dampf verließ seine zitternden Lippen mit jedem Atemzug und verteilte sich im Halbdunkel.

Alte, verwitternde Baumstämme lagen kreuz und quer herum und warfen bedrohliche Schatten. Es roch nass und modrig.

Er konnte nichts erkennen, was auf unerwarteten Besuch hinwies. Die Tür stand noch genauso, wie er sie zurückgelassen hatte. Er pflegte es, sie einen schmalen Spalt offen stehen zu lassen, wenn man es überhaupt so nennen konnte: Das obere Scharnier war gebrochen. Er musste sie in senkrechte Position heben, um sie überhaupt bewegen zu können. Es war eher eine Art „offen hängen lassen“. Er schmunzelte.

Sein Schmunzeln gefror, als er im Dickicht nicht weit entfernt eine Bewegung wahrnahm. Er sah sie nur im Augenwinkel, aber er war sich sicher, dass er sie gesehen hatte.

Wieder klopfte sein Herz so laut, dass er sich instinktiv noch weiter ins Dunkel duckte, um nicht entdeckt zu werden.

Ein Schatten, der sich flink und geräuschlos bewegte, huschte durch das modrige Gehölz und verschwand in der Hütte, ohne dass sich die Tür auch nur einen Hauch bewegte. Koren unterdrückte den Drang, panisch weg zu laufen.
Plötzlich fühlte er einen kühlen Windhauch im Rücken. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Haare standen zu Berge. Da war wieder das Gefühl. Sein Instinkt schlug Alarm. Er wünschte sich, mit dem Baum zu verschmelzen, neben dem er sich befand. Sein Herz klopfte wie wild und sein Puls rauschte unbeherrscht in seinem Ohr. Was sollte er nur tun? War das sein Ende? Plötzlich wurde es so kalt, dass ihn für einen kurzen Moment die Angst übermannte, dass er bereits getroffen und im Begriff zu sterben war. Es wurde kälter, seine Arme und Beine wurden taub. Das Pochen wurde leiser. Es war, als hätte er seinen Körper verlassen und doch war er bewegungsunfähig an diesen Ort gebunden. Er war der stille Leser eines Buches, der Zuschauer eines Theaterstücks, auch wenn er das Gefühl hatte, er konnte die Geschehnisse eher fühlen als sehen.

Sanft schwebte eine schwarze Gestalt an ihm vorüber in Richtung Hütte. Plötzlich hielt sie inne und drehte sich langsam zu ihm herum. Leere Augenhöhlen, die noch dunkler waren, als die Gestalt selbst, starrten ihn an. Das Wesen kam näher und verharrte nur ein paar Schritte vor ihm. Die Zeit schien genau in diesem Moment stehen geblieben zu sein.

Es war ein Augenblick der Ungewissheit, der unbarmherzig an seinen Eingeweiden zerrte, um ihn in die ewige Dunkelheit zu begleiten. Gleich würde die Gestalt zum finalen Schlag ansetzen und sein letztes Quäntchen Leben aushauchen. Koren versuchte, sich zu bewegen. Er versuchte zu schreien. Er versuchte, das Wesen zu schlagen. Es veränderte nichts. Er war gelähmt und musste sich damit abfinden. Hier und jetzt würde er den Tod finden und es gab niemanden, der um ihn weinen würde.

Das Wesen verharrte noch immer kaum mehr als ein oder zwei Schritt von ihm entfernt und starrte ihn an. Dann drehte es sich plötzlich weg und flog geräuschlos in die zuvor eingeschlagene Richtung bis es in der Hütte verschwand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert